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Bericht im Tages-Anzeiger
16. August 1990
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Bricht in Disentis der Goldrausch aus?
Im Vorderrheintal sind bedeutende Goldvorkommen entdeckt worden.
Goldwaschen wird in Disentis vermutlich nicht nur ein Ferienvegnügen bleiben. Das Goldvorkommen ist nach jüngsten Untersuchungen derart vielversprechend, dass man jetzt die Abbaumöglichkeiten prüft. Nur in Kanada hat man vor 15 Jahren eine so grosse Lagerstätte vom gleichen Erztyp gefunden.
Seifengold aus Flusssanden und Kiesen (Sekundärlagerstätten) werden in der Schweiz vielerorts gefunden und neuerdings wieder von Hobby-Goldsuchern gewaschen, auch im Vorderrheintal. Dass dieses Gold aus einer
bemerkenswerten grossen Primärlagerstätte in Festgestein stammen könnte, vermutete der Geologe David Knopf aus Corsier, als er Fachliteratur wälzte: Bei einer Literaturdurchsicht erkannte er, dass es sich lohnen könnte, mit entsprechenden Werkzeugen in die Felsschluchten zu ziehen, um nach Rheingold zu suchen. Er setzte dieses Vorhaben in die Tat um. Dabei entdeckte er ein auf der Welt fast einzigartges und vielleicht bedeutendes Goldvorkommen: Schichten eines sogenannten Serizit-Muskowit-Schiefers mit Goldgehalten bis zu 17 Gramm pro Tonne. Das Gold in diesem Schiefer ist unsichtbar. Es ist vor allem im Pyrit verborgen, einem Eisensulfid, das zwar goldfarbig ist, dessen Farbe jedoch nichts mit Gold zu tun hat.
Nicht nur geologisch eine Sensation
Solch goldführender Glimmerschiefer war erstmals in der Geschichte des Goldbergbaus Mitte der 79er Jahre in Kanada, nördlich des Oberen Sees in Ontario, entdeckt worden. Dieser Fund von Hemlo war die grosse Überraschung aller Goldsucher in Nordamerika der Nachkriegszeit: Das Goldführende Gestein enthielt bis zu 55 Gramm Gold pro Tonne Erz. Dieser Goldgehalt ist ausserordentlich hoch. Mit geschätzten Reserven von rund 350 Tonnen Gold ist Hemlo die grösste Goldlagerstätte Nordamerikas. Im Jahre 1985 wurde dann der Goldbergbau aufgenommen:
Heute liefert Helmo rund 20 Prozent der Kanadischen Goldvörderung.
Der Lagerstättentyp goldführender Glimmerschiefer ist nicht nur geologisch eine Sensation, sondern auch wirtschaftlich vielversprechend. Denn die Schieferschichten können sich mit erheblicher Mächtigkeit über viele Kilometer hinziehen und somit – wie in Kanada – erhebliche Reserven enthalten. Die beiden grösseren bisher in der Schweiz bekannten Goldvorkommen im Festgestein – Monte Rosa, Astano Sessa – sind Ganglagerstätten; ihre räumliche Ausdehnung ist aber beschränkt, und ihr Goldgehalt ist eher bescheiden. An einen Erzabbau ist wohl kaum zu denken.
Disentis-Gold ähnlich wie Hemlo-Gold
Die Ähnlichkeit der Goldgesteine von Disentis mit dem Vorkommen von Hemlo war so gross, das Knopf 1985 den Entdecker des Hemlo-Goldes, David R. Bell aus ST. Catharinen in Ontario, alarmierte. Dieser informierte sogleich die Kanadische Bergbaufirma Micham Exploration Inc. Sie übernahm die weiteren Schürfarbeiten rund um Disentis.
Um die genaue Ausdehnung des Goldvorkommens festzustellen wurde in den vergangenen vier Jahren aufwendige Explorationsarbeit geleistet. Zunächst erprobte man geochemische Methoden: Dazu nahm man Bodenproben aus dem Gegiet der Goldschiefer, weil zu erwarten war, dass bei deren Verwitterung auch Goldspuren in den Boden gelangten und so Hinweise auf tieferliegende Erze gaben. Das war jedoch kein Erfolg. Der Boden in diesem Gebiet ist eiszeitlich verlagert. Somit führen die gefundenen Goldspuren nicht unbedingt zu den Erzschichten.
Goldsuche aus der Luft
Mehrere Jahre explorierte man dann mit Hilfe geophysikalischer Methoden. Diesmal mit Erfolg. Vor allem die Erkundungen des Untergrundes aus der Luft brachten interessante Hinweise. Insgesamt flog die kanadische Spezialfirma Aerodat Ltd. rund 750 Kilometer über dem Vorderrheintal. Mit speziellen elektromagnetischen Messinstumenten versuchte man die Ausdehnung der vererzten Glimmerschiefer festzustellen. Doch die Auswertung der Messdaten war äusserst schwierig. Besonders deshalb, weil die Schieferschichten in gleicher Richtung entlang entlang dem Vorderrheintal verlaufen wie die Hochspannungsleitungen. Diese erwiesen sich als starke zivilisatorische Störquellen.
Bis jetzt hat man drei nebeneinander laufende Schichten des Goldhaltigen Serizit-Muskovit-Schiefers identifiziert. Sie ziehen sich gestaffelt südlich von Disentis nach Süden hin. Am mächtigsten und am gleichmässigsten sind die goldführenden Schichten im Gebiet von Medel (stellenweise mehrere hundert Meter mächtig). Sie erstrecken sich mindestens sechs Kilometer weit bis nach Somvix. Doch gibt es auch mehrere Kilometer weiter südlich im Gotthardmassiv und westlich im Vorderrheintal nach Sedrun hin Anzeichen für goldführende Schieferschichten. Letztere sind jedoch noch nicht näher untersucht worden.
Die Bohrungen haben gezeigt, dass man auf Goldgehalte von 3 Gramm Gold pro Tonne Gestein bis zu maximal 17 Gramm Gold stösst. Das sind nicht die hohen Goldgehalte wie in Hemlo. Doch genügen sie für einen Abbau, vorausgesetzt, es gibt ausreichend grosse Erzreserven. In Südafrika werden schon Golderze mit einem Gehalt von 3 bis 5 Gramm Gold pro Tonne Gestein aus mehreren tausend Meter Tiefe gefördert. Demgegenüber liegen die goldführenden Glimmerschiefer aus dem Vorderrheintal an der Oberfläche und sind zum Beispiel am Lukmanierpass und in den Schluchten leicht zum abbauen.
Ein wirtschaftlicher Erzabbau hängt jetzt davon ab, ob es gelingt, ausreichend mächtige Schieferschichten mit ausreichend hoher und vor allem Gleichmässmässiger Goldführung nachzuweisen. Dazu muss vermutlich in grossem Umfang gebohrt werden. Zudem sollen Forschungsarbeiten über die – bisher noch ungeklärte – Entstehung dieses ungewöhnlichen, neuen Goldlagerstättentyps durchgeführt werden. Sie sollen unter anderem zur Identifizierung der abbauwürdigen Schieferschichten beitragen. Es bestehen ernsthafte Aussichten dass im Vorderrheintal ein Goldbergwerk entsteht – das erste und einzige Erzbergwerk der Schweiz.
Harald Steinert
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