Reportage von Philip Reding  9. Juni 2010       Zurück zur Übersicht Medienberichte
Im Rausch des Goldes

Morgens allein im Wald, bei eisiger Kälte und Regen, zwischen rauschenden Bächen und zwitschernden Vögeln, sollte sich eine Suche schon lohnen. Etwa für Gold, so wie im Eldorado der Schweiz in Disentis, wo die Goldwäscher den Verstecken eines der grössten Goldvorkommen Europas nachspüren. Angereist aus der ganzen Schweiz, treffen sie sich hier Wochenende für Wochenende und lassen die goldenen Zeiten nochmals aufleben.

 Einzig das dünne Fensterglas im hölzernen Rahmen des Café Goldmann bewahrt mich vor dem rauen Disentiser Wetter. Hier vor meiner heissen Schokolade, inmitten rätoromanischer Sprachfetzen und angetan vom Chalet-Charme des Lokals treffe ich den „Goldgusti“, dessen wetterfeste Kleidung mich sogleich an den Grund meines Besuchs erinnert. Der Goldgusti betreibt das Camp „Big Nugget“, wo er seit nunmehr 15 Jahren Goldwasch-Kurse anbietet.

 Diagnose Goldfieber...

Während wir gemütlich übers Goldwaschen zu plaudern beginnen, waten seine Kollegen gerade durch irgendein Bergflüsslein, vermutlich in Thermo-Unterwäsche, ausgerüstet mit Schaufel und Becken, die Stiefel hoch bis zu den Hüften. Ich will vom Goldgusti wissen, wann ihn das Goldfieber gepackt hat. „Das war 1988, da hab’ ich in einem „Blick“-Artikel gelesen, das Goldschürfen sei verboten, das hat mich interessiert!“, erzählt er begeistert. Daraufhin sei er einfach mal nach Disentis gefahren, um einen Kessel mit Kies zu füllen, welchen er dann zuhause in Zürich aussortiert habe. Beim nächsten Mal sei schon eine Blumenschale dabei gewesen, da hätten sich sogar erste Körner drin befunden, „da hats mich gepackt!“ Kurz darauf folgte gar der erste Nugget, „da bin ich ausgeflippt!“

Neben der Natur sei es die „totale Entspannung“, bei der man „wirklich abschalten“ könne. Der Eindruck, den der Goldgusti auf mich macht, unterstreicht dies: er ist die Ruhe selbst, unaufgeregt, ohne passiv zu sein. Besonders aktiv wird er allerdings, wenn er auf das Gefühl zu sprechen kommt, welches einen ereile, wenn sich der Erfolg einstellt. Er beschreibt mir dies folgendermassen: „Die meisten machen es wohl zum Ausgleich. Aber es ist auch ein super Erlebnis, wenn du Gold in der Pfanne findest! Irgendwann machts batsch! Dann ist Jubel-Truber, man vergisst alles andere!“ Dies führe zudem dazu, dass man wieder Energie habe, um die Zeit zu überbrücken, in der man weniger erfolgreich ist.

 ... im fortgeschrittenen Stadium

Erstaunt bin ich über die geologischen Kenntnisse, welche von Zeit zu Zeit Eingang ins Gespräch finden. Goldgusti bestätigt mir, dass er sich für sein Hobby einiges im Eigenstudium beigebracht hat. – Spätestens hier bemerke ich, wie hart ihn das Goldfieber getroffen haben muss. - Dieses Wissen diene als Orientierungshilfe, etwa bei geologisch bedingten Ablagerungs-Vorgängen, die man so nachvollziehen könne. Zum Goldwaschen sei aber nicht allein dieses Wissen nötig, sondern auch eine ordentliche Portion Glück. Fündig werde man ab und zu auch da, wo einem die Logik abrate.

Glück ist ein gutes Stichwort. Ein guter Goldwascher sei nämlich auch ein Gambler, ein Gamer, der immer aufs das „grosse Teil“ hoffe. Allerdings komme ihn, verglichen mit anderen Gamern und Gamblern, sein Einsatz wesentlich günstiger, Goldwascher bräuchten nur gerade ihre Ausrüstung und Zeit. Wer einmal ein grosses Stück gefunden habe, zum Beispiel einen schönen Nugget, der komme sicher wieder, „100%!“ –  „Bis allerspätestens Mittwoch weisst du, wo du am Wochenende suchen wirst“, prognostiziert Goldgusti, „Das sei so!“

 „Gold interessiert Banker wie Köche“

Im Camp „Big Nugget“ bin ich erstaunt über die 130 Paar Gummistiefel, welche für die Kunden des Goldgustis bereitstehen. Eigentlich bestaune ich aber das grosse Interesse fürs Goldwaschen. Bis zu 2'000 Personen kämen jedes Jahr von Mai bis Mitte Oktober hierhin, um ihr Glück zu versuchen. Danach sei das Goldwaschen offiziell verboten, den Fischen zuliebe.

Interessierte kämen in Gruppen oder einzeln, letzteres öfters, denn wer goldwaschen möchte, der suche Frieden und Entspannung. Das gehe allein nun mal am besten. In den Gruppen sei noch speziell, dass kleine Körnchen bis ohrringgrosse Nuggets jeweils gleich alle motivieren würden, auch entstehe zum Teil ein starker Wettbewerb unter den Teilnehmern.

Genauso zum Goldwaschen gehöre auch die Lagerfeuerromantik inklusive Grillieren, bei der am Abend die Fundstücke präsentiert und aufgeteilt würden.

 Kleiner Kreis der Goldfieber-Patienten

Dieses Ritual sei auch fester Bestandteil unter den regelmässigen Goldwaschern - nur dass diese sich gezielter aussuchen würden, wem sie ihre gefunden Schätze zeigen möchten. Ansonsten seien sie sehr gesellschaftlich, das Goldwaschen selbst bleibe aber eine eher persönliche Angelegenheit.

Organisiert sind die über 500 Goldwascher der Schweiz als Verein, als sehr kommunikativer Verein, wie hier festgehalten werden soll: Auf Anfrage melden sich mehrer Mitglieder, stets mit „goldigen Grüssen“, und versuchen mit Links und Adressen zu helfen, wo sie können. Auch der Kontakt mit dem Goldgusti entstand so.

Von ihm habe ich für heute genug erfahren und gelernt. Punkto Goldwaschen gibts bei ihm nichts mehr zu sehen, nicht bei der misslichen Witterung. Trotz dieser treffe ich zwei Goldwäscher am Fluss, auch sie einladend freundlich und herzlich unkompliziert. Sie bei der Arbeit für eine Reportage zu fotografieren, nein, das sei natürlich kein Problem, ich solle nur machen. Nachdem ich die beiden noch etwas beobachtet habe, überlasse ich sie ihrem Element. Auf mich wartet ein beheiztes 2. Klassen-Abteil der Rhätischen Bahn.

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